Dach der Welt: Hängung

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Galerie Solinger Künstler
Einzelausstellung
Solingen, September 2013

Die Ausstellung „Dach der Welt“ in der Gallerie SK war ein Erfolg. Manuela Stein eröffnete die Ausstellung:

Jürgen arbeitet meist konzeptionell – er beschäftigt sich über Monate oder Jahre mit einem Thema. In den letzten Serien hat er Menschen auf öffentlichen Plätzen gezeigt. Das ist hier anders:

Text von Ruth Stäudtner

Die Natur, ist in den Bergen in ihrem Ausmaß so gewaltig, die Vegetation so reich, die Proportionen so groß, dass sie sich der künstlerischen Darstellung entzieht.

(nach Claude-Joseph Vernet, französischer Landschaftsmaler, 1714-1789)

Stäudtners Interesse an Landschaften und hier vor allem an den Bergen entstand um 2008. Die grauen, monochromen Hintergründe der Serie „Around Public Spaces“ muteten wie eine Landschaft an und gaben den Anstoß, sich diesem Thema näher zu widmen,

Internet, Facebook, Bücher und zahlreiche Fernsehdokumentationen stellen in dieser Zeit vor allem die 8000er und hier besonders den Mount Everest ins Zentrum ihrer Berichte. Stäudtner bediente sich all dieser Quellen, um Informationen und Bilder für seinen Zyklus zu sammeln.

2010 bestieg er mit einer Expedition den Mount Elbrus (5642m) in Russland, den höchsten Berg Europas, um die Leidenschaft der Bergsteiger besser nachempfinden zu können.

Die Besteigung des Mount Everest gilt als eines der letzten großen Abenteuer unserer Zeit und es sind die Schicksale der Bergsteiger, ihre Erfahrungen auf dem Dach der Welt, die Stäudtner zunächst faszinieren.

Das Werk Legenden des Everest zeigt neun der herausragendsten Bezwinger des Mount Everest. Der Focus liegt völlig auf ihren Gesichtern, der Hintergrund nimmt sich farblich zurück und auch die Kleidung ist in einheitlichen reduzierten Farben gehalten. Die Maltechnik lehnt sich an die  Tradition der Portraitmalerei der Renaissance an.

Der Zyklus Painting the Soul of Everest zeigt weitere elf Bergsteiger symbolisch für alle persönlichen Schicksale und menschlichen Dilemmas an diesem Berg. Erreiche ich den Gipfel und lasse jemanden auf dem Weg zurück und somit sterben? Oder helfe ich und erreiche mein Ziel nicht? Fran Arsentiev (gestorben beim Aufstieg), Marko Lihteneker (gestorben beim Abstieg), David Sharp (gestorben beim Abstieg, nachdem der im dritten Versuch den Gipfel erreicht hatte), Usha Bista (gerettet beim Aufstieg), (…) Die Green Boot Cave liegt am Rande der häufig gewählten Route über die Nordwand. Viele Bergsteiger kommen an ihr vorbei. Ihren Namen erhielt sie von den fluoreszierenden grünen Stiefeln des Bergsteigers Tsewang Paljor, der einem Sturm am Mount Everest zum Opfer fiel und nun dort  zusammengekauert und tot unter dem Felsvorsprung liegt.

Kaum einem Bergtouristen gelänge der Aufstieg auf den Mount Everest ohne die Hilfe der Sherpas. Diese werden sich ihrer Bedeutung zunehmend bewusst und kämpfen für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Künftig werden sie vielleicht selbst Touren organisieren und so beitragen zu noch mehr Tourismus am höchsten Berg der Welt.

Denn machen wir uns nichts vor: vom Basecamp bis zum Gipfel, man ist nie allein auf dem Berg. Im Gegenteil, es gibt Passagen, wie zum Beispiel den Second Step, der deshalb so gefährlich ist, weil man oft bis zu zwei Stunden in Kälte und Wind Schlange stehen muss, bis man die Leiter hinauf zum Nord-Ost Grat erklimmen kann.

Auch auf dem Gipfel bleiben nach all den Strapazen und Entbehrungen des Aufstiegs weder Raum noch Zeit den Triumph in Ruhe zu genießen. Die Absurdität dieser Situation greift Stäudtner in seinem Panorama Schautafel I auf. Was dem Bergsteiger auf dem Dach der Welt versagt bleibt, wird dem Zuschauer großformatig und detailliert präsentiert: den Ausblick auf die grandiose Landschaft die den Mount Everest umgibt, in Ruhe zu genießen.

Bergsteigen scheint heute zunehmend ein lukratives Geschäft zu werden, geprägt von minutiöser Organisation. Gipfelbesteigungen werden gesammelt wie Briefmarken. Häufig ist es mehr eine Frage des Geldes als der sportlichen Konstitution. In einigen Skizzen auf farblich neutralen Untergründen macht sich Stäudtner Gedanken zu möglichen zukünftigen Szenarien auf dem Dach der Welt. Die Skizzen Scenarios for the Future of the Highest und New Indian Recreation Areas zeigen, wie eine Tour auf dem Mount Everest vielleicht nicht mehr viel aufregender sein wird als der Sonntagspaziergang mit der Familie. Dank Aufzug, Sauerstoffversorgung, Restaurant mit Panoramablick, können immer mehr, immer wohlhabendere Menschen auf den Berg gelangen. Modernste Technik, spezielle Schienenfahrzeuge und Roboter garantieren einen bequemen Aufstieg und eine exquisite Versorgung.

Nur ein Utopie?

 

Lesen Sie hier die Berichte der lokalen Presse.

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