Das Geheimnis schöner und erschwinglicher Leinwandbilder

Die Wortschöpfungen „Leinwandbild“ und „Wandbild“ erobern deutsche Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küchen. Grelle Farben und bekannte Motive strahlen den Bewohnern immer öfter von einer Leinwand aus an. Aber was verbirgt sich hinter den potentiellen Unwörtern des Jahres, und wie verschönern Sie Ihr Heim am Besten?

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Die meisten Besitzer leere Wände haben das Bedürfnis, diese zu füllen. Möglichst günstig sollen die Wandfüller sein, aber an Postern hat man sich sattgesehen. Das eigene Heim soll gut aussehen, aber nicht der Pflege bedürfen. Die Menschen besinnen sich auf das, was Jahrhunderte lang als sicheres Zeichen des Geschmacks galt: Auf Bilder.

Green Boot Cave, portrait, oil painting
Höhle grüner Stiefel, Porträts, Ölgemälde
145 * 120 cm, 2010

Bilder sind heute überall: meistens sind hunderte davon auf dem Handy oder dem Computer gespeichert, täglich kommt man mit ebenso vielen Werbebotschaften in Kontakt und Social Media wäre ohne Bilder nicht mehr attraktiv. Ein Bild an der Wand, das Wandbild also, besser noch das Leinwandbild sollen es richten.

Schnell wird in Baumärkten, Elektronikketten und einschlägige Webseiten ein Bild in den Einkaufswagen gepackt und zu Hause an die Wand gehängt. Damit es schnell geht werden oft bestehende Nägel verwendet, auch wenn das Bild dann nicht mittig oder schief hängt.

Fünf Fragen, die das böse Erwachen nach dem beherzten Einkauf vermeiden:

Signalisiert ein Leinwandbild Qualität?

Zerlegt man das Wort „Leinwand“ in zwei Teile, dann erkennt man, dass sich dahinter „Leinen“ und „Wand“ verbergen – eine Wand aus Leinen. Und eine Wand zum Malen suchte man im Mittelalter. Die Bilder sollten immer größer werden und das Bemalen der klassischen, teuren Holzuntergründe war mit zunehmender Größe mit der Gefahr verbunden, dass sich das Bild verzieht. Die Alternative Fresko-Malerei war nur etwas für ausgesucht Profis mit Geduld, denn Korrekturen sind hier sehr aufwendig, da man dazu den bemalten Putz abschlagen und neu aufbringen muss. Auch lernte man die Flexibilität von Leinwand schätzen: wenn Keilrahmen verwendet werden, dann lassen sich fertige Ölgemälde (mit der Farbe nach außen) abgespannt transportieren – ein Vorteil bei großen Bildern ab zwei Metern Kantenlänge.

Ein Leinwandbild war also nicht per se hochwertig, sondern die praktische und günstige Alternative zu Holz oder Putz. Im Laufe der Zeit wurde die Struktur der Leinwand ein immer größeres Thema, bis im 20. Jahrhundert teilweise nur noch die Leinwand oder gar nur der Keilrahmen gezeigt wurde. Leinwandbilder können heute von der Struktur des Untergrundes leben.

Das günstige Leinwandbild verwendet vorgrundierte, billige und weniger elastische Baumwolle, die auf günstiges Holz maschinell getackert wird. Meistens ist das das Gegenteil des hochwertigen Bildträgers.

Aber wen kümmert das, wenn man es nicht sieht?

Braucht man einen Rahmen?

Jein.

Kunst an der Wand definiert sich momentan über den gesamten Eindruck, den ein Werk hinterlässt. Bilderrahmen werden verwendet, wenn er die Aussage des Bildes verändert, wenn das Bild geschützt werden soll, wenn das Bild von der Umgebung abgegrenzt werden soll, oder einfach, weil sie gut aussehen. Gute Bilderrahmen kosten allerdings mehrere hundert Euro und sind eine Wissenschaft für sich.

Das teure Leinwandbild wird heute meist ohne Rahmen gehängt. Dies bringt den Vorteil, dass man an der Seite sieht, wie es erstellt wurde. Auf den ersten Blick erkennt man, ob es Leinwand ist oder Baumwolle, ob das Gewebe geleimt wurde, und wie das Bild gemalt wurde. Das günstige Leinwandbild hat keinen Bilderrahmen, und das bringt Probleme mit sich. Man sieht sofort, dass Baumwolle verwendet wurde und dass das Bild gedruckt wurde.

Spectator of documenta XII, Ölgemälde, Portraits
Besucherin der documenta XII, Ölgemälde, Landscape Porträt
130 cm * 230 cm, 2014

Der Druck von Bildern ist seit Andy Warhol erlaubt – als erster Künstler druckte Warhol das gleiche Motiv öfters, später lies er sogar drucken. Aber immer sieht man am Bildrand, dass es sich um einen hochwertigen Druck handelt. Heute werden die industriell gefertigten Bilder erst aufgespannt, wenn das Bild auf die Leinwand gedruckt wurde. Damit geht das Bild am Rand weiter – man sieht an den vielen Optionen, die heute angeboten werden (Streifen auf dem Rand, Weiß bedruckt, schwarz oder gar nicht), dass das Problem erkannt ist.

Wenn Sie wollen, dass Ihr billiges Leinwandbild einen hochwertigen Eindruck macht, dann müssen Sie einen Rahmen verwenden. Oder ein hochwertiges Wandbild kaufen. Am einfachsten sind auch hier Fotos – aber dann auf Holz (meist MDF-Platten), Alu-Dibond, Glas oder Kunststoff aufgezogene Fotos. Fotos, die kein Leinwandbild sein wollen.

Für den gleichen Preis bekommen Sie auch ein gemaltes Bild – allerdings meist schlechte. Rechnen Sie mindestens 1.000 Euro für ein gutes, mit echten Ölfarben gemaltes, mit ordentlichem Gewebe und Keilrahmen ausgestattetes Leinwandbild.

Das Motiv? Egal, Hauptsache Leinwandbild!

Die wichtigste Eigenschaft eines Bildes ist das Motiv.

Wenn das Bild Müll zeigt, dann ist es möglicherweise gut. Zeigt es einen Monstertruck in grellen Farben, der über Dünen im Sonnenuntergang rast, ohne dass ein Staubkorn aufgewirbelt würde, dann ist es Müll. Auch günstig gedruckte Segelschiffe, Eisberge oder andere dramatische Naturschauspiele haben eines gemeinsam: Es gibt sich nicht nur einmal. Deshalb sollten Monstertrucks, Segelschiffe oder Eisberge an Ihrer Wand eine Bedeutung für Sie haben: Ihr Monstertruck, Ihr Segelturn, Ihr Untergang.

Gerade in Zeiten, in denen ein Bild an der Wand „Wandbild“ heißen muss, weil man sonst das Bild auf dem Handy meint, sollte es genügend Motive für Sie geben. Wenn also schon ein günstiges Leinwandbild, dann Ihres.

Portrait, oil painting
Porträts, Ölgemälde
120 * 80 cm, 2013

Die vorgefertigten Bilder, die sie sofort mitnehmen und aufhängen können sind Bilder für jedermann – sie müssen sich oft verkaufen um sich zu rechnen. Damit steigt die Chance, dass der Monstertruck im Wohnzimmer vom Nachbarn erkannt wird, der den Eisberg sein eigen nennt.

Deshalb kaufen Kunstsammler am liebsten Unikate – nur bei Fotografien, Konzeptkunst oder zu Weihnachten sind Editionen üblich, denn sonst könnten viele Künstler nicht überleben. Wird ein Motiv von einem Künstler so umgesetzt, dass seine Handschrift erkennbar ist, dann kann es wertvoller sein als das gleiche Motiv irgendeines Fotografen.

Sollte man sein eigenes Bild drucken lassen?

Kauft man das Bild eines Künstlers, dann erwirbt man meistens ein Unikat mit einem passenden Motiv. Auch ein persönliches Bild aus der Foto-Timeline, gedruckt oder von einem Künstler gemalt, gibt es meist nur einmal und das Motiv zeigt etwas von Bedeutung.

Große XXL Bilder oder Fototapeten kann man mit den Fotos normaler Handys oder Kameras noch nicht drucken. Aber es gibt gute Chancen, den Billigwahn zu übertrumpfen ohne wesentlich mehr Geld zu investieren als für das Abbild eines Monstertrucks.

Heute gibt es viele Druckdienste, die Ihr Foto auf Papier, Leinwand, Glas oder sogar auf T-Shirts drucken – Ihr selbstgemaches Leinwandbild ist nicht fern. Auch die Auflösung günstiger Fotos erlauben es 180 dpi (dots per inch) beim Ausdruck zu erzielen: die Mindestauflösung eines Bildes, das nach Bild aussieht. Für 50 Zentimeter Kantenlänge benötigen Sie so 3600 Bildpunkte. Mit den neuen Möglichkeiten der Bildbearbeitung über Apps können Sie auch die Belichtung, den Kontrast und die Schärfe eines Bildes so beeinflussen, dass es gedruckt werden kann und Ihr Heim gestalten kann.

Natürlich werden Ihre Ergebnisse nicht an die von Profifotografen oder Malern heranreichen. Ausrüstung, die Ausdauer auf der Suche nach dem richtigen Bild, Komposition und Farbgebung: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten für einen Profi sich zu differenzieren. Aber den Monstertruck, das Segelschiff und den Eisberg des Nachbarn kann man schlagen.

Hängen und „Bespielen“

Nun zu den wesentlichen Fragen: Wie stellen wir sicher, dass das Bild zur Farbe des neuen Sofas passt, dass man es von überall sehen kann und dass es richtig beleuchtet ist? Wichtiger noch, dass nicht zu viel Wandfläche frei ist?

Gar nicht.

Das richtige „Bespielen“ einer Wand, das Hängen der richtigen Bilder am richtigen Fleck kann bei Künstlern und Kuratoren lange dauern. Bilder aller Größen werden an verschiedenen Flächen ausprobiert, Tageszeiten berücksichtigt und unterschiedliche Standpunkte eingenommen um zu simulieren was Besucher sehen.

Cologne train station, portraits of passengers, oil painting
Passanten am Kölner Hauptbahnhof, Porträts, Ölgemälde
200 * 145 cm, 2007

Die Größe eines Bildes ist relativ. Manche kleine Bilder füllen ganze Säle. Andere große Bilder wirken sogar in kleinen Räumen überschaubar.

Ein Wandbild sollte man nicht nach der Farbe wählen. Ohne Übung werden Laien den Farbton Ihres Sofas nicht treffen, schon gar nicht wird er morgens, mittags und abends passend sein, denn das Sonnenlicht ändert sich über den Tag und die Jahreszeiten dramatisch. Zu Hause haben wir eben kein Museum, dessen Beleuchtung akribisch geplant ist und für einen Großteil der Kosten eines Museums verantwortlich ist.

Die Kombination aus Sofa, Leinwandbild und der Wandfarbe, kurz die Farben in einem Raum sollten ausgewogen sein und harmonieren. Das Spotlicht über oder unter dem Bild sollte entfallen – diese Lampen erhellen nur einen kleinen Teil eines Bildes, und den ungleichmäßig.

Dafür sollte überlegt werden, von wo aus ein Leinwandbild zu welcher Tageszeit gut aussehen soll, und genau zu dieser Zeit von dem gewählten Ort aus prüfen, ob es gut aussieht, und ob es gerade hängt!

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