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Painted Feelings

Tuesday, September 1st, 2009
Orangerie der Residenz

Single Show
Würzburg, Germany, 2002
Inaugural Address of Carina Herring (German)

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Eröffnungsrede von Carina Herring

Friday, August 14th, 2009
Rede von Carina Herring zur Ausstellungseröffnung am 18. Mai 2002

Wer hat Angst vor rot gelb blau?
Barnett Newmann, einer der Protagonisten des Abstrakten Expressionismus, malte 1957 ein Bild mit eben diesem Titel: Who’s afraid of red yello and blue. Stellen Sie sich eine Leinwand vor: 4 mal 5 m in ausschließlich roter Farbe. Sie ist furcht-einflößend groß, weil sie das eigene Sehfeld überschreitet, links und rechts kann man kaum mehr die Bildbegrenzung wahrnehmen. Je näher man sich dem Bild gegenüberstellt, um so mehr taucht man ein, in die Gegenwart der Farbe und spürt den Sog ins Innere einer nebelhaften, koordinatenlosen Räumlichkeit. Man kann nicht einmal versuchen, etwas auf der Leinwand zu fokussieren, statt dessen wird man fortwährend dazu genötigt, sich mit der reinen Ausdehnung des gesamten roten Feldes zu befassen. Und unterdessen stellt man fest, dass auch der reale Raum, in dem man steht, weggerutscht und ins Unbestimmte geglitten ist. Da kriegt man es durchaus mit der Angst zu tun, wie es der Titel ja bereits suggeriert.
So oder ähnlich muss es dem Attentäter gegangen sein, der das Bild vor einigen Jahren mit mehreren Messerstichen zerstörte. Nach seiner Festnahme äußerte er, dass er es nicht aushielt, einer so großen roten Fläche als diffusem, ungreifbarem Farbmeer ausgesetzt zu sein und dass er sich durch die Stiche in die Leinwand der Realität versichern wollte.
Tatsächlich wurde in wahrnehmungspsychologischen Studien zum Ganzfeld beobachtet, daß sich durch das Außerkrafttreten gewohnter Wahrnehmungs-prozesse die eigenen subjektiven Empfindungen in den Vordergrund drängen. Das Gefühl jedoch, einem diffusen Raum bzw. einer unbegrenzten, nicht definierbaren Räumlichkeit ausgesetzt zu sein, bringt eine deutliche Erschütterung des Ich-Gefühls mit sich, aber auch die Möglichkeit zur verstärkten Selbstwahrnehmung.
Warum erzähle ich Ihnen diese durchaus wahre Geschichte, wo wir es doch hier so offensichtlich nicht mit monochromer Farbfeldmalerei zu tun haben, sondern mit sehr präzise gemalten, klein- und mittelgroßen Bildern, mit abstrakten Form- und Farb-spielen und konkreten Bildmotiven?
Wenn auch der Ansatz beider Künstler ein grundsätzlich anderer ist, scheint mir doch, dass die Hauptakteure ihrer Malerei die gleichen sind: Denn beide setzen Farbe ein, um Gefühle zu befragen und zu erreichen.
Dabei geht es beiden nicht darum, irgendein Gefühl anzusprechen, vielmehr wollen sie weitaus elementarer an die Bausteine unserer Gefühlsarchitektur herandringen, an die sechs Grundgefühle: Lust – Angst – Freude – Trauer – Liebe – Haß und versuchen, eine differenziertere Selbstwahrnehmung bezüglich dieser vermeintlich klar definierter Begriffe zu erreichen. Bei Barnett Newmann ist das in einer sicher nicht intendierten Vehemenz gelungen. Jürgen Stäudtner hingegen will Sie nicht zu Attentätern werden lassen, ganz im Gegenteil, denn der Täter ist er selbst.
Mit welcher Farbe bringen Sie überschwengliche Freude zusammen, welches Kolorit hat blanker Haß? Ist Trauer immer Schwarz und Liebe Rot? Welche Formen hat die Liebe? rund, verschlungen oder geradlinig und ohne Kurven? Diese Fragen standen am Beginn der Auseinandersetzung der aktuellen Serie von Jürgen Stäudtner, die er heute hier in der Orangerie ausgestellt hat.
Seine Bilder entstehen wie persönliche Aufzeichnungen spontan aus Stimmungen heraus, sie reflektieren Gedanken, Gefühle und Empfindungen, loten diese geradezu aus und zwingen sie dazu, sich zu konkretisieren. Das suggestive Einfließen der Farben und Formen ist wichtig, dennoch malen sich seine Bilder nicht von selbst, sozusagen von innen heraus, sondern sind präzise komponiert.
Die ersten kleinformatigen Bilder, die uns in der Ausstellung empfangen, muten wie sehr abstrahierte Landschaften an – hier und da meint man ein Himmelsfirmament, Berge und Täler zu erkennen – vielleicht Höhen und Tiefen von Seelenlandschaften. Darunter liegt die oftmals bis zur Unkenntlichkeit verwischte Schrift, die wie Gedankensplitter über die Bilder zieht, möglicherweise auch als Symbol für das Unvermögen des Menschen, seine Gefühle richtig zu erkennen und einzuschätzen. Immer mehr verflüchtigt sich die konkrete Gefühlslandschaft, sie wird von Atmosphäre verschlungen und löst sich in ihr auf.
Es lohnt sich, gerade auch die kleinen Bilder aus der Nähe zu betrachten, die sich überlagernden Farbschichten mit ihren Durchbrüchen, die nuancierten farbigen Kontraste und Abstufungen, die Effekte von glänzender, geschichteter Ölfarbe, das Relief des Pinselschwungs. Es ist spannend zu beobachten, wie sich Farben und Formen entwickeln, wie sie den Gesamteindruck bestimmen und zugleich autonom bleiben. Der Pinselstrich ist mal gefaßt, ganz schnell und gesetzt, dann wieder in relativer Ruhe, fast ganz leer. Statt nur auf bestimmte Formen und Zeichen einzugehen, ist die Malerei sozusagen ständig auf dem Sprung, vom Fleck zum Tupfer zum Kringel zum Tropfen zum Schlenker zur Linie usf., und zurück, überquer und mittendurch: in einer rapiden Reflexion, deren Momente in ihrer Funktion gleichermaßen changieren. Ein Fleck mag Aufbruch, Schwerpunkt oder Pause sein; eben noch unschlüssig und tänzelnd, wandelt sich die Linie im nächsten Augenblick zum Peitschenschlag, der knallt, beschleunigt, zusammenzucken läßt. Dynamik der Gefühle eben.
Ähnlich auch bei den großformatigen Bildern, bei denen die menschliche Figur spannungsvoll in die abstrakte Formenwelt gesetzt wird, sich als konkrete Form vor dem meist dynamischen Bildhintergrund herausschält, weiter hinter sogar ganz plastisch und real in Form von Fotoporträtcollagen ins Bild gesetzt wurde. ?Ein Blick auf die Gefühlswelt der Deutschen” untertitelt Jürgen Stäudtner diese Bilder und gibt auch hier wieder einen Schlüssel zu seiner Auseinandersetzung preis, durch die Worte, mit denen die Bilder hinterlegt: Pflicht und Hindernis stehen Lust und Spaß gegenüber, Stolz und Konflikte konkurrieren mit Vertrauen und Ehre und scheinen im ständigen Ringen auf der Waagschale des Lebens zu pendeln. ?Ihr seid sowieso zu träge”, prallt einem frech der Titel dieses Bildes entgegen. ?Aber ich habe es mir verdient”, antwortet fast im Echo ein anderes. Auch hier sind es wieder die Farben, die uns ganz tief in die Bilder hineinzuziehen scheinen.
Das Ende dieses Kanons bilden die Gefühlsköpfe Chac Mol und Ramses II, die Ruhe, Gelassenheit, Vollkommenheit und Schönheit verkörpern, ganz im Sinne eines Ausblicks, dass wir doch noch hoffen dürfen im Einklang mit uns und unseren Gefühlen, vielleicht auch noch in dieser Welt zu leben.
Die Malerei von Gefühlen hat aber auch seine Tücken, denn ein Gefühl, sobald man es greifen will, scheint immer schon von der Vergangenheitsform verhöhnt: ‘Es war’. Es war einmal ein Gefühl, das schon auf Anhieb verpuffte, anstatt dicht und stark zu werden, denn zwischen der Intensität einer Empfindung und dem Ausdruck dieser Intensität besteht leider kein direkter Abbildungszusammenhang. Ein Gefühl also, das sich der Darstellung nicht widersetzte, ist entweder unecht oder so gut wie tot. Der direkte Weg der Gefühlsdarstellung führt somit in eine Sackgasse. Das hat auch Jürgen Stäudtner erfahren und in seiner Malerei umgesetzt, denn auch er hat die schmerzliche Erfahrung gemacht, daß Gefühle ihre größte Spannweite und Dichte nicht in der einfachen Steigerung, sondern im Augenblick des Umschlagens erreichen, womit sie sich meistens einer Darstellung gänzlich entziehen.
Übrigens wurde der so von Angst motivierte Attentäter, den ich bereits am Anfang erwähnte, vor kurzem aus der Haft (möglicherweise auch aus der Psychiatrie) entlassen und hatte nur eines im Sinne: Die Restauration des von ihm attackierten Werkes rückgängig zu machen, und zwar nicht, weil er mit der Qualität der Restaurierung (wie viele andere) nicht einverstanden war, sondern weil er meinte, daß er durch seine Tat das Werk erst vollendet habe.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.